Ein ungewöhnlich sinnvoller Berufswechsel
„Ich arbeite beim Bestatter!“
Anett strahlt von innen heraus, als sie das sagt. Neulich auf einem Konzert, mitten im Lärm der rockigen Stimmen, kommt sie mit einer Krankenschwester ins
Gespräch.
„… und was machst du so?“
„… du lieferst mir die Kunden“, neckt Anett ihr Gegenüber provokant.
„Wie bitte?“
Anett lacht: „Ich arbeite beim Bestatter.“
Respekt. Würde. Tiefgang. Was zunächst salopp klingt, war in Wahrheit das Ergebnis eines zweimonatigen Coaching-Prozesses und einer tiefgreifenden persönlichen Entscheidung. Solche Entscheidungen entstehen nicht über Nacht. Sie entwickeln sich. Genau wie in Anetts persönliche Geschichte.
Nach der Eingewöhnung ihrer Tochter in die Kita beschloss Anett, ihren Weg zunächst allein weiterzugehen, ohne ihren Freund Matthias. Der Job als Pflegedienstleiterin forderte sie bis an die Grenzen – Organisation, Kita-Alltag, Schichtdienst. Zu viel Verantwortung, zu wenig Raum für das eigene Leben. Das Privatleben blieb auf der Strecke, der Ausgleich ebenso. Die Tage bestanden aus Arbeiten und Kinderversorgung, Pausen gab es kaum. Anett ging weit über ihre Belastungsgrenzen hinaus. Erschöpft zog sie die Reißleine, nahm therapeutische Hilfe in Anspruch und erkannte: Die Pflege ist nicht mehr das, was sie beruflich leben möchte. „Damit war ich dann aus der Pflege raus.“
Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich bekanntlich eine andere. Doch wo sollte sie suchen? Was konnte sie gut, was machte ihr Freude – und was war realistisch umsetzbar? Im Coaching tauchten viele Ideen auf: Eventmanagement, Heilpraktikerin, Organisation, kreative Berufe, Handwerk, Sekretariat. Besonders wichtig wurden die Themen Beratung, Quereinstieg und Abwechslung. Bewegung, Büroarbeit und Struktur sollten Teil des neuen Berufs sein.
„Im Abschied liegt die Geburt der Erinnerung.“
Salvador Dalí
Nach drei Coaching-Sitzungen erinnerte sich Anett an etwas, das lange verschüttet gewesen war: Schon als Kind hatte sie durch die Arbeit ihres Onkels Berührungspunkte mit dem Bestattungswesen. Ein früher Berufswunsch, der irgendwann „beerdigt“ worden war. Warum das geschieht, wissen wir oft selbst nicht. Vielleicht war es der falsche Zeitpunkt. Vielleicht fehlten damals Mut oder Voraussetzungen. Manchmal aber bereitet uns das Leben auf einen anderen, größeren Weg vor. Der Abschied aus der Pflege – geprägt von menschlichem Leid – und der Schritt hin zur letzten Wegbegleitung, wurden für Anett zum Segen. Die intensiven Erfahrungen aus der Pflege zahlen sich nun aus. Anett ist bereit, ihrer Berufung zu folgen. Der nächste Schritt: ein Praktikum. Sie begleitet ihre ersten Beerdigungen, arbeitet im Backoffice, bringt eigene Ideen ein. Und fährt zum ersten Mal mit einer Urne im Leichenwagen zum Friedhof. Alles ist neu, aufregend, bewegend – und richtig. Ihre robuste Persönlichkeit, ihre humorvolle und zugleich einfühlsame Art und ihre körperliche Präsenz vermitteln Angehörigen emotionale Sicherheit. Die Zusage für eine feste Einstellung lässt nicht lange auf sich warten. Eine spätere Ausbildung zur Bestatterin ist bereits geplant. Dafür nimmt Anett eine Stunde Arbeitsweg quer durch die Stadt gern in Kauf.
„Sterben gehört zum Leben – Träumen hält es lebendig.“ Anett träumt wieder. „Vielleicht kann ich später einmal meine eigene Außenstelle leiten …“ Manche Berufswege verlaufen nicht geradlinig. Sie führen über Umwege, Erschöpfung und Abschiede – und genau dadurch an den richtigen Ort. Anetts Geschichte zeigt: Wer den Mut hat, loszulassen, findet manchmal nicht nur einen neuen Job, sondern eine neue innere Ruhe. Und einen Beruf, der zwischen Leben und Sterben genau dort Sinn stiftet, wo Menschlichkeit am meisten gebraucht wird.
Autor: Jana Reichel
