Der Mut, sichtbar zu werden
Sophie sitzt im Zoommeeting und hört aufmerksam zu. Es geht um ein Thema, bei dem sie sofort etwas beitragen könnte. Sie hat Erfahrung, Wissen und eine Idee – doch bevor sie etwas sagt, ist jemand anderes schneller. Wenig später wird wieder eine Empfehlung ausgesprochen. Wieder fällt ein anderer Name. Sophie bleibt zurück mit diesem vertrauten Gefühl: Ich bin da – aber niemand sieht mich.
Es ist nicht das erste Mal. Während andere Aufträge bekommen und sichtbar werden, steht Sophie am Spielfeldrand. Sie überlässt anderen den Raum, obwohl sie selbst viel beitragen könnte. Nicht, weil ihr die Kompetenz fehlt, sondern weil sie sich zurückhält. Dabei hat sie einen Traum: Sie möchte sich nebenberuflich als Beraterin für Mütter selbstständig machen. Sie möchte Frauen begleiten, die sich wieder mehr Verbindung, Klarheit und Leichtigkeit im Familienalltag wünschen. Fachlich ist sie gut vorbereitet. Sie hat Fortbildungen besucht, ihre Website aufgebaut und erste Angebote entwickelt. Doch etwas fehlt: der Mut, für sich selbst einzustehen und sichtbar zu werden.
Als die Zweifel und die Unsicherheit immer größer werden und sie trotz aller Bemühungen nicht vorankommt, entscheidet sie sich für ein Coaching. Schon zu Beginn taucht ein kraftvolles inneres Bild auf. Vor ihrem inneren Auge sieht sie ein großes Spielfeld. Menschen bewegen sich darauf, zeigen, was sie können und werden wahrgenommen. Sophie möchte mitspielen – doch etwas hält sie zurück. Die entscheidende Frage lautet: Was braucht Sophie, um ihr eigenes Spielfeld zu betreten? Die Antwort findet sie nicht in einer besseren Marketingstrategie oder noch mehr Fachwissen. Sie findet sie in sich selbst. Während Sophie bei diesem Gefühl bleibt, taucht plötzlich eine Erinnerung aus ihrer Kindheit auf. Sie erinnert sich an eine Situation mit ihrer großen Schwester. Als kleines Mädchen möchte sie etwas selbst machen. Sie stampft mit dem Fuß auf und zeigt ihren Unwillen. Doch die große Schwester ist schneller und sagt: „Lass mich das machen!“ Ein kleiner Satz. Eine alltägliche Situation. Und trotzdem bleibt eine Überzeugung zurück: Mein Können zählt nicht. Ohne es zu merken, nimmt Sophie dieses Muster mit in ihr Berufsleben. Sophie zieht sich zurück, vermeidet Auseinandersetzungen und überlässt anderen den Raum. Doch jetzt erkennt sie: Sie muss nicht besser sein als andere. Sie muss nur den Mut haben, ihren eigenen Platz einzunehmen. Langsam setzt sich das Bild zusammen. Sophie erkennt, dass sie oft darauf wartet, dass andere sich für sie entscheiden. Gleichzeitig macht sie es anderen schwer, ihren Wert zu erkennen, weil sie selbst nicht klar zeigt, wofür sie steht. Ihre Schwester hat längst ihr eigenes erfolgreiches Leben. Und Sophie spürt: Sie möchte nicht länger am Rand stehen und zuschauen.
„Du musst nicht besser werden als die anderen. Du musst nur den Mut haben, dein eigenes Spielfeld zu betreten.“
Mit dieser neuen Haltung wagt Sophie den nächsten Schritt. Sie wirkt präsenter, ihr Körper richtet sich auf und der innere Kampf hört auf. „Ich bin da! Ich weiß, was ich kann und wofür ich stehe!“ Sie entscheidet sich, sichtbar zu werden. Sie öffnet WhatsApp und schreibt einer Netzwerkkollegin: „Ich habe eine Bitte: Wenn du jemanden kennst, der Unterstützung für seine Beziehung zu den Kindern sucht, würde ich mich freuen, wenn du meine Webseite weiterempfiehlst.“ Für Sophie ist es nur eine Nachricht. Und doch ist es ein großer Schritt. Zum ersten Mal wartet sie nicht darauf, entdeckt zu werden. Sie betritt ihr eigenes Spielfeld. Sie zeigt sich und vertraut darauf, dass die richtigen Menschen ihre Entscheidung treffen dürfen. Denn jeder Wurf ist zunächst ein Übungswurf. Entscheidend ist nicht, ob er sofort gelingt. Entscheidend ist, dass man spielt.
