Zurück in den Sattel

MIT VERTRAUEN UND GEFÜHL - SELBSTBESTIMMT IN FÜHRUNG GEHEN

Es ist ein ganz normaler Dienstagnachmittag. Der Kinderwagen parkt neben dem kleinen Sandreitplatz an der angrenzenden Pferdekoppel. Aline kommt ihrer Reitlehrerin Sarah entgegen. „Hast Du Lust zu reiten“? Keine Frage und ob Aline das hatte! Lange genug, hat sie auf den Moment warten müssen. Das einzige Problem, wohin mit der kleinen Emma? Emma ist gerade ein dreiviertel Jahr alt. Als Tragling ist sie die ganze Zeit mitten drin und mit dabei, bei allem, was ihre Eltern gerade tun. Für Reitlehrerin Sarah kein Problem. Sie übernimmt gern die kleine Emma auf ihrem Rücken während der spontanen Reitstunde.

  

Aline ist beruflich als Projektmanagerin für kulturelle Projekte im öffentlichen Leben und an Theatern zuständig. Schnell und zielgerichtet müssen kulturelle Programme für mehrere hunderttausend Euro, oft in kürzester Zeit und meist ohne große Unterstützung geplant, organisiert und umgesetzt werden. Powerwoman Aline schafft oft Unmögliches und versetzt ganze Berge im BerufsLeben. Sie drückt und peitscht Projekte innerhalb von 3 Monaten durch, die ursprünglich für ein Dreifaches der Zeit konzipiert waren. In den Hochphasen muss sie dafür mit lediglich 6 Stunden Schlaf am Tag auskommen.

 

Spontan geht es los! Mit Baby auf dem Rücken, einer Dunkelfuchsstute am Führstrick und einer aufgeregten und voller Erwartungsfreude gespannten Aline. Unsicherheit und Angst schwingen mit, nachdem sie die erste Runde mit Dakota an der Hand um den Reitplatz läuft. Dakota ist ein Schatz. Die kleine Stute begleitet Aline artig und tiefenentspannt auf ihren ersten Runden, als ob sie wüsste, was Aline gerade braucht. Jetzt heißt es aufsitzen. Das erste Mal nach Jahren, einem sehnsuchtsvollen Wunsch wieder auf dem Pferd zu sitzen, vielen unschönen Reiterlebnissen im Vorfeld, etwas Übergewicht und zwei Kinder später – zurück in den Sattel.

 

Sarah schnallt die Longe in den Kappzaum, schlägt die Steigbügel über und nimmt an der langen Leine die Verbindung zu Dakota und Aline auf. „Lass einfach los und lass dich tragen“. „So wie Du dein Baby trägst, lass Dich von Dakota tragen“. Einfach im Sattel Platz nehmen, sich entspannen und wohlfühlen. Was sich so einfach anhört, ist oft schwer umzusetzen. Kurz darauf fließen die ersten Tränen. „Ich weiß nicht mehr, wie das geht“. „Wie macht man das - loslassen?“.

 

Verantwortung abgeben, jemand anderen das Kommando überlassen und das Baby vertrauensvoll in andere Hände geben zu können, ist eine Stunde Qualitätszeit für Aline. Bei sich sein, den eigenen Körper und die Bewegungen des Pferdes wahrnehmen, stehen in diesem Moment im Mittelpunkt. Eine Reitstunde der anderen Art nimmt Fahrt auf. Aline wird mit geschlossen Augen ihre Atmung und den Rhythmus des Pferdes erspüren, ihre Haltung besser wahrnehmen lernen und die eigene Führung hinterfragen. Dakota wird ihr dabei helfen. Mit ihren 23 Jahren ist sie perfekt dafür geeignet und ihrem Alter entsprechend, etwas langsamer unterwegs. Genau das richtige Pandang zu Alines gelebtem Leistungsdruck und dem ständigen Vorantreiben im Arbeitsalltag.

 

„Wenn alles zu viel wird, beginne mit dem Wenigen: Sitzen und Atmen“

 

Aline geht es zu langsam. Sie versucht Dakota vorwärts zu schieben. In diesem Moment bleibt die kleine Stute blitzartig stehen. Zuviel Druck - rien ne va plus, nichts geht mehr. Von außen bekommt Aline abrupt Grenzen gesetzt. Die Mitarbeiterin unter ihr streikt und das eigene Unterbewusstsein gleich mit. Ähnlich verhält es sich beim Abbiegen, um die im Viereck aufgestellten Kegel. Die Beiden bekommen einfach die Kurve nicht hin. Was ist daran so schwer?

 

Aline will es gut machen. Gut genug, reicht dem eigenen Anspruch oft nicht aus. Die gelebte Perfektion im Detail. An dieser Stelle wird sichtbar, was sonst verborgen bleibt. Oftmals bremsen wir uns mit diesem Verhalten komplett selbst aus - alles Kopfsache! 

 

Einige Erkenntnisse später und sichtlich entspannter, bekommt Aline nach 30 Minuten die Zügel wieder zurück in ihre eigenen Hände. Ungewohnt und etwas unsicher bahnt sich das ungleiche Reiterpaar seinen Weg um die bunten Kegel und über das Cavaletti aus Holz, in der Mitte des Reitplatzes. Immer wieder gibt es Rückmeldungen zwischen Reiterin und Reitlehrerin. Der Körper schickt Aline Signale und sie hört ihm endlich zu. Die linke Hüfte ist fest und erschwert ihr das Abbiegen auf der linken Pferdehand. Mit einer kleinen Haltungskorrektur, dem nächsten Termin in der Physiotherapie im Kopf und einem neuen Weitblick, gelingt Aline auch dieses Vorhaben, trotz Einschränkung, mit mehr Leichtigkeit. 

 

Zum Schluss wird Aline ihren eigenen Weg, um die bunten Kegel und über das weiß gestrichene Cavaletti, finden. Konzentriert, im eigenen Tempo, in Verbindung mit sich und dem Pferd unter dem Sattel. Selber denken, selber lenken - selbstbestimmt, vertrauensvoll und mit gutem Gefühl, immer eine Pferdelänge voraus. Anders als gedacht und anders als erwartet, gab es statt klassischem Reitunterricht,  Einblicke in die eigene Körperwahrnehmung - auf dem Weg ins Fühlen, Denken und Handeln als eine Einheit. Aline ist erleichtert und strahlt - offen, selbstbewusster, voller Freude und mit neuen Erkenntnissen. Das pferdige Erlebnis wird sie sich einprägen. Es wird ihr helfen, sich daran zu erinnern, wie sie nach der Babypause, besser die Balance im eigenen BerufsLeben finden kann.

 

Zurück in den Sattel, zurück in die eigene Körpermitte, zurück ins Bauchgefühl. Mit Vertrauen und gutem Gefühl als Frau selbstbestimmt in Führung zu gehen. Los geht´s!

 

Nimm die Zügel wieder selbst in die Hand und folge der abbiegenden Hauptstraße für ein glückliches und selbstbestimmtes BerufsLeben. 

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